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Verband Schweizerischer Konzertlokale, Cabarets, Dancings und Discotheken
14.10.2006
Kategorie: Alkohol, Cabarets, Diskriminierung, L-Bewilligungen, Prostitution, Tänzerinnen

Lebensbedingungen von Cabaret-Tänzerinnen


Das Schweizerische Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) der Universität Neuenburg führte im Auftrag des Fraueninformationszentrums Zürich (FIZ) eine Studie über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Cabaret-Tänzerinnen in der Schweiz durch.

Die Forscherinnen Janine Dahinden und Fabienne Stants zeichnen ein recht ausgewogenes und realistisches Bild, obwohl 37% der befragten Tänzerinnen von Beratungsorganisationen vermittelt wurden und Frauen aus Lateinamerika etwas übervertreten sind. Es ist den Autorinnen anzurechnen, dass sie sich vor Verallgemeinerungen hüten und nicht schwarz-weiss malen.

Einzig beim Kapitel "Lohnaspekte" verfällt man in die alte Untugend, vorwiegend von Nettolöhnen zu reden. Zwar wird an einer Stelle erwähnt, dass Miete, Agenturprovision, Quellensteuer, Krankenkasse und Sozialabgaben abgezogen wurden, dennoch erhält der flüchtige Betrachter den Eindruck, dass 86% der Tänzerinnen weniger als 3000 Franken pro Monat verdienen. Dabei beläuft sich der von den Forscherinnen erhobene durchschnittliche Bruttolohn auf 4250 Franken (ohne Nebeneinnahmen).

Die Lebensumstände der Cabaret-Tänzerinnen werden als prekär bezeichnet, dennoch werden die Artistinnen nicht blauäugig in eine Opferrolle gedrängt. Die Autorinnen zeigen eine ganze Palette unterschiedlicher Biographien und schliessen daraus, dass es "die Arbeitsbedingung" nicht gibt. Die Tänzerinnen werden als ökonomische Unternehmerinnen beschrieben, die ihr Handeln aktiv gestalten. Damit wird der wirtschaftlichen Motivation Rechnung getragen, welche sich unabhängig von der Herkunft bei diesem spezifischen Typus von Migrantinnen ausmachen lässt.

Ein Teil der Tänzerinnen befinde sich in einer Zwangslage. Schutz und soziale Sicherheit seien in hohem Masse individualisiert, wobei es die erstmalig einreisenden Artistinnen besonders schwer hätten, schreiben die Autorinnen. Hingegen habe ein anderer Teil das Glück, insbesondere wirtschaftlich zu profitieren.

Die Instabilität der Arbeitsverhältnisse führt laut Studie zu sozialer und ökonomischer Verwundbarkeit der Tänzerinnen. Der geringe Grad an Arbeitsplatzsicherheit sei bereits in den rechtlichen Vorgaben angelegt, im besonderen beim Zwang zum monatlichen Wechsel. Hinzu komme, dass bei einem Arbeitsplatzverlust kein Branchen- oder Tätigkeitswechsel möglich sei. Die Kurzfristigkeit der Verträge erschwere die Entwicklung von Vertrauen, Loyalität und gegenseitiger Verpflichtung. Erfahrene Tänzerinnen, die sich ein soziales Netz aufbauen konnten, seien in der Hierarchie innerhalb der Cabarets weiter oben anzutreffen.

Tänzerinnen seien in komplexe Machtsysteme eingebunden, hätten aber durchaus gewisse Handlungsspielräume. Dahinden und Stants beschreiben, wie Tänzerinnen konkrete Strategien entwickeln, um ihre Arbeitssituation besser zu kontrollieren, z.B. durch Allianzen mit Kunden, Cabaret-Besitzern oder anderen Mitarbeitenden. Es könne sogar vorkommen, dass sich eine erstmals einreisende Tänzerin besser zurecht finde als ein erfahrene Artistin.

Als wichtiges Kriterium bezeichnet die Studie den Informationsstand der Tänzerinnen. Es gebe sehr wohl Artistinnen, die ihre Rechte und Pflichten gut kennen. Ein anderer Teil der Frauen biete aus Unkenntnis Leistungen an, von denen sie glauben, sie gehörten zu den vertraglich vereinbarten Aufgaben. Es sei vor allem der hohe Alkoholkonsum, den Ersteinreisende nicht erwarten.

Ausservertragliche Leistungen gehen allerdings oft auf Eigeninitiativen zurück, weil die Tänzerinnen ihr Einkommen erhöhen wollen. Spezifische Reglementierungen, die dafür sorgen sollen, dass die Artistinnen ihren Tätigkeiten möglichst risikofrei nachgehen können, betreffen den legalen Teil der Arbeit. Die Autorinnen befürchten einen Kontrollverlust, wenn "sexuell-ökonomische Aktitiväten" in den Freizeitbereich ausserhalb der Cabarets gedrängt werden, etwa weil Separées verboten sind. Genau dann seien die Frauen der Willkür der Freier ausgesetzt.

Cabarets sind wie kaum ein anderer Bereich strikten und detaillierten Regulationen unterworfen. Die Diskrepanz zwischen den rechtlichen Vorgaben und der Alltagsrealität sei aber enorm, schreiben Dahinden und Stants. Als Beispiele fügen sie unter anderem die Animation zu Alkoholkonsum und längere Arbeitszeiten an. Andererseits sei auch hier oft Eigeninitiative der Tänzerinnen im Spiel, welche ihrer ökonomischen Migrationsmotivation nachkommen wollen. Der Vollzug sei schwierig, weil die Anzeigebereitschaft der Tänzerinnen äusserst gering sei.

Die Autorinnen räumen ein, dass ein Teil der eingeführten rechtlichen Schutzbestimmungen von den Tänzerinnen selbst abgelehnt werden, weil sie ihrem Ziel, einen möglichst hohen Verdienst zu erzielen, zuwider laufen. Für die meisten befragten Frauen ist uneinsichtig, weshalb sie nur noch 23 statt den früheren 26 Tagen pro Monat arbeiten dürfen, wollen sie doch keine Freizeit, sondern Arbeitzeit!

Die Studie anerkennt, dass es sich nicht um typische Niedriglohn-Jobs handelt, bemängelt aber die Unregelmässigkeiten bei Lohnzahlungen. Einige Frauen hätten gute Löhne und könnten Geld an ihre Familien schicken, andere wiederum seien in einer Schuldenspirale gefangen. Als Hauptgrund für die Verletzlichkeit nennen die Autoren Unregelmässigkeiten bei der Vermittlung, vor allem in den Herkunftsländern. Diese Phase zeige sich untransparent und könne Frauen in eine Zwangslage stürzen, die sie später noch manipulierbarer machten. Auch könne sich hier ein Berührungspunkt zu Frauenhandel ergeben - gemäss Studie übrigens der einzige.

Allerdings geben 70% der Tänzerinnen im Buch an, sie seien vor der ersten Einreise von Freundinnen auf die Tanzmöglichkeiten aufmerksam gemacht worden, die bereits in Schweizer Cabarets gearbeitet haben. Nur 13% wurden direkt durch eine Agentur informiert. Man kann also davon ausgehen, dass die meisten Neueinreisenden über die Arbeitsbedingungen recht gut Bescheid wissen.

Der Schluss liegt nahe, dass sich die negativen Umstände auch durch die hohe Regelungsdichte, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelte, nicht aus der Welt schaffen lassen. Wie kann nach Meinung der Autorinnen die Diskrepanz zwischen rechtlichen Vorgaben und Realität vermindert werden? Eine Verbesserung sei nur durch eine Stärkung der Tänzerinnen als Migrantinnen und Sexarbeiterinnen möglich. Konkret wird angeregt, die achtmonatige Aufenthaltsbewilligung nicht an eine dauernde Erwerbstätigkeit zu koppeln. Dann müssten die Tänzerinnen nicht mehr alles daran setzen, ein nächstes Engagement zu erhalten, weil sie ansonsten Gefahr laufen, nach einem Monat ausreisen zu müssen. Es dränge sich auch auf, die monatlichen Verträge in längere umzuwandeln, weil so ein Aufbau von Loyalität möglich werde.

Cabaret-Tänzerinnen, die über Ressourcen verfügen, könnten sich wehren. Flankierende Massnahmen seien deshalb naheliegender als eine nochmalige Erhöhung der Regelungsdichte. Der Vollzug der bestehenden Gesetze sei zu fördern. Eine vollumfängliche Kontrolle, das schreiben auch die Autorinnen, sei aber nicht möglich.

Dass restriktive Lösungen ihre Tücken haben, räumt auch das FIZ ein, denn bei grosser Nachfrage würden am Ende Frauen geholt, die gar keine Bewilligungen haben. Gerade in der Illegalität ist der Schutz der Frauen aber wesentlich schwächer! Die führenden Frauenorganisationen sprechen sich denn auch gegen eine Abschaffung der Kurzaufenthaltsbewilligungen für Cabaret-Tänzerinnen aus. Sie sähen es aber gerne, wenn Schweizer Agenturen die Frauen direkt in ihrer Heimat anwerben würden. Ein gut gemeinter Gedanke, es ist aber leider fraglich, ob so inoffizielle Vermittlungsprovisionen verhindert werden können.

Janine Dahinden / Fabienne Stants
Arbeits- und Lebensbedingungen von Cabaret-Tänzerinnen in der Schweiz
www.migration-population.ch

Fraueninformationszentrum
Champagner, Plüsch und prekäre Arbeit
www.fiz-info.ch


Zwangssituationen

63% der befragten Frauen berichten, dass sie schon zur Animation gezwungen wurden, 56% mussten selber Alkohol trinken. 29% der Tänzerinnen wurden schon angehalten, mit Kunden ins Separée zu gehen. Die Hälfte gibt an, dass sie schon Druck, Drohungen und Einschüchterungen erlebt haben. Allerdings haben "nur" 22% jemals in ihrer Arbeit Gewalt erlebt. Zu berücksichtigen ist bei diesen Zahlen, dass 37% der Befragten von Hilfsorganisationen vermittelt wurden. Dort landen erfahrungsgemäss fast ausschliesslich Problemfälle.


Hauptproblem Alkohol

Viele Cabaret-Tänzerinnen sehen das grösste Problem ihrer Arbeit beim hohen Alkoholkonsum. In anderen Ländern leben die Betriebe nicht vom Champagner, den die Kunden auffahren lassen, sondern von Eintrittsgeldern oder Stundentarifen für die Gesellschaft der Tänzerin. Ein Cabaret-Betreiber wird in der FIZ-Broschüre "Champagner, Plüsch und prekäre Arbeit" wie folgt zitiert: "Wenn der Staat nicht so heuchlerisch wäre, müssten wir keinen Champagner ausschenken, sondern könnten das System der Taxi-Girls übernehmen, wie es zum Beispiel in Italien existiert… Die Leute würden nicht trinken, und wir wären nicht verpflichtet, die Flaschen zu überrissenen Preisen zu verkaufen, um die Kosten zu decken, die uns auferlegt werden." Ein Agenturvertreter drückt die wirtschaftliche Logik so aus: "Wie die Dinge liegen, ist die Haupteinnahmequelle der Cabarets der Verkauf von Champagner." Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass heute fast alle Nachtclubs speziell für die Artistinnen auch alkoholfreie Schaumweine anbieten.