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Verband Schweizerischer Konzertlokale, Cabarets, Dancings und Discotheken
06.02.2009
Kategorie: Cabarets, Prostitution, Tänzerinnen

Interview mit einer ehemaligen Cabaret-Tänzerin: „Nach ein paar Jahren sollte man aufhören“


Die Medien berichten oft über Schicksale von jungen Frauen, die schrecklich ausgebeutet werden. Natürlich gibt es Frauenhandel und Zwangsprostitution, aber unseres Wissens nicht in schweizerischen Cabarets. Es ist leicht, Einzelfälle herauszugreifen und damit eine ganze Branche zu diskreditieren. Es wäre noch viel leichter, positive Beispiele zu finden – nur haben Medien und Hilfsorganisationen daran kein Interesse. Wir schon.

Das folgende Interview mit der ehemaligen Cabaret-Tänzerin Juliana (der richtige Name ist der Redaktion bekannt) zeigt zwar, dass es durchaus Schwierigkeiten gibt, doch alles in allem überwiegen aus Sicht der Frauen die Vorteile. Nicht umsonst kommen über 70% der neueinreisenden Artistinnen auf Empfehlung von Freunden oder Verwandten.

ASCO: Sie haben lange Zeit als Cabaret-Tänzerin in der Schweiz gearbeitet. Erzählen Sie uns bitte von Ihren Erfahrungen!

Juliana: Ich komme aus der Dominikanischen Republik und bin 1996 erstmals eingereist. Ich arbeitete während fünf Jahren als Tänzerin in verschiedenen Cabarets, vor allem in der Deutschschweiz. In dieser Zeit habe ich ausserordentlich gut verdient und konnte meiner Familie regelmässig Geld überweisen. Wir haben es dadurch aus ärmsten Verhältnissen zu bescheidenem Wohlstand gebracht.  

Man hört immer wieder von unfairen Arbeitgebern und miserablen Arbeitsbedingungen. Können Sie das bestätigen?

Es ist nicht immer leicht, das ist wahr. Man arbeitet bis spätnachts und trinkt viel mit den Gästen. Mit wenigen Ausnahmen wurde ich aber von den Chefs und den Gästen gut behandelt. Zu den meisten Betrieben bin ich jedes Jahr gerne zurück gekehrt. Einmal hat ein Chef versucht, mir zuviel vom Lohn abzuziehen. Nachdem ich ihm mit einer Anzeige drohte, zahlte er nach.

Sind Ihre doch eher positiven Erfahrungen ein Einzelfall?

Es gibt Frauen, die sich hier nicht zurecht finden. Die meisten Tänzerinnen wissen aber schon vor ihrem ersten Engagement Bescheid, was sie erwartet. Natürlich gibt es manchmal Probleme. Ich bin dennoch überzeugt, dass die grosse Mehrheit der Frauen recht zufrieden ist.

Was war Ihr grösstes Problem?

Ich trinke zwar gerne einmal ein Glas, doch der viele Champagner ging mir mit der Zeit schon auf den Geist. Aber ich hatte da so meine Tricks – und die Barleute halfen mir dabei. Heute gibt es zum Glück in den meisten Cabarets auch alkoholfreie Schaumweine.

Geht die Arbeit mit der Zeit nicht an die Substanz?

Doch, das ist so. Da ich aber jeweils nur acht Monate am Stück arbeiten konnte, erholte ich mich zwischendurch in meiner Heimat – an der karibischen Sonne. Nach ein paar Jahren sollte man mit dem Tanzen aufhören, finde ich.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Agenturen?

So viel ich mitbekommen habe, gibt es schon auch unseriöse Agenturen. Ich und meine besten Kolleginnen hatten allerdings keine Probleme.

Mussten Sie in Ihrem Heimatland Vermittlungsgebühren abliefern?

Nun ja, das ist in der Dominkanischen Republik halt so. Ich habe bei der ersten Vermittlung meiner Freundin (!) den üblichen Tarif bezahlt. Allerdings hat sie mir auch geholfen, mich zu bewerben. Und sie gab mir gute Ratschläge mit auf den Weg. Das ist auch etwas wert. Das Geld hatte ich übrigens schnell wieder eingespielt.

Wie viel haben Sie konkret verdient?

Die Mindestlöhne betragen in den meisten Kantonen 2300 Franken. Das ist der ausbezahlte Betrag, nachdem die Unterkunft, die Steuern, die Krankenkasse und die anderen Versicherungen abgezogen wurden. In guten Cabarets brachte ich es auf 6000 bis 7000 Franken brutto. Die meisten von uns hatten auch noch hohe Nebeneinkünfte. Ich hielt mich hier allerdings stets etwas zurück.

Sie haben sich also nicht prostituiert?

Um ehrlich zu sein: Es gab schon Fälle, wo ich mich für sexuelle Dienstleistungen bezahlen liess. Allerdings suchte ich mir die Männer stets gut aus. Das ist ja das Gute in einem Cabaret: Man ist nicht gezwungen, sich zu prostituieren – und dennoch gibt es ab und zu die Gelegenheit, etwas schwarz hinzu zu verdienen.

Was machen Sie heute?

Ich habe vor fünf Jahren geheiratet. Wir haben zwei Kinder und leben in der Nähe von Zürich. 

Haben Sie noch Kontakt mit Kolleginnen von früher? Und was machen diese heute?

Ich habe nur noch mit einer Kollegin regelmässigen Kontakt. Auch sie ist hier verheiratet. Ich weiss von anderen dominikanischen Frauen aus meiner Stadt, die wieder heimgekehrt sind, um dort ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen.