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13.05.2014
Kategorie: Alkohol, Prävention

Wer stoppt das Bundesamt für Gesundheitswesen?


Bei Verlautbarungen des Bundesamts für Gesundheitswesen beschleicht einen stets das Gefühl, es werde eine politische Agenda verfolgt. Beim neuesten Elaborat aus der BAG-Küche ist das nicht anders: Die Studie "Alkoholbedingte Kosten in der Schweiz" dient als Grundlage alarmistischer Botschaften. Auf der Strecke bleibt dabei die wissenschaftliche Redlichkeit.

"4.2 Milliarden Franken kostete der Alkoholkonsum die Schweizer Öffentlichkeit im Jahr 2010" – auf diesen plakativen Nenner brachte ein Mediencommuniqué des Bundesamtes für Gesundheit die Resultate der 228'000 Franken teuren Studie "Alkoholbedingte Kosten in der Schweiz", die vom BAG selber in Auftrag gegeben wurde.

Einmal mehr wird der Eindruck erweckt, unser Land befinde sich im alkoholpolitischen Notstand. Immerhin: Liest man den 117-seitigen Schlussbericht der Autoren, tönt es differenzierter. Die Verfasser räumen ein, dass der genannte Betrag "mit einer gewissen Unsicherheit" behaftet ist. Für die Berechnungen hätten zahlreiche Annahmen getroffen werden müssen. Zudem sei die Datenverfügbarkeit nicht für alle Kostenarten gleichermassen gewährleistet gewesen.

"Je nach verwendeter Methode und getroffenen Annahmen schwankt der Wert für die gesamten gesellschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums zwischen minimal 2.2 Milliarden und maximal 4.8 Milliarden Franken", heisst es in der Studie. Daraus zu schliessen – und zu kommunizieren – dass es 4.2 Milliarden Franken sind, ist fragwürdig.

Nicht aufrichtig, nicht stichhaltig

Eine ehrliche Betrachtung ergäbe die Einsicht, dass sich alkoholbedingte Kosten nur sehr grob schätzen lassen. Im Grunde genommen kann sie niemand beziffern, weil nicht alles einen Wert in Franken hat. Das gilt besonders für den systematisch unterschätzten Nutzen des Alkoholkonsums: Wie viel sind eine fröhliche Runde, ein paar gesellige Stunden und Momente des Genusses wert?

Zudem werden wichtige Angaben unterschlagen: der volkswirtschaftliche Nutzen aus der Alkoholindustrie (Landwirtschaft, Produktion, Verkauf, Gastgewerbe) sowie die Steuern und Abgaben, die dem Staat zukommen (Einkommenssteuern der Beschäftigten, Sozialabgaben, Mehrwertsteuern, Gewinnsteuern, Alkoholsteuern).

Die BAG-Studie ist methodologisch fragwürdig. Das komplizierte Werk zieht Informationen auf unzähligen Quellen bei (was die Schweiz angeht, stammen die Daten vorwiegend aus Umfragen). Auf jeden Fall stehen zu viele diskutable Annahmen dahinter, als dass man daraus die relativ präzise Zahl von 4.2 Milliarden Franken ableiten könnte. Die vorgetäuschte mathematische Genauigkeit ist unredlich.

Vielleicht liegen die Nettokosten nicht zwischen 2.2 bis 4.8 Millionen Franken, sondern wesentlich tiefer. Je nach Methodik könnte sogar ein Gewinn resultieren. Wer früher stirbt, bezieht weniger AHV. Und wer länger lebt, verursacht vor seinem Tod in der Regel in der Regel dennoch hohe Krankheitskosten – einfach ein paar Jahre später.

Die Agenda der WHO

Die Verfasser richten sich bei der Vorgehensweise stark nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation. Die wissenschaftlichen Standards werden also von einer Institution definiert, die alles andere als unparteiisch ist. Der Kreuzzug, den die WHO gegen den Alkohol führt, ist beinahe so legendär wie derjenige gegen das Passivrauchen.

In WHO-Dokumenten wird der Alkohol für fast alle sozialen Probleme der Welt verantwortlich gemacht. Die daraus abgeleiteten Forderungen nach Werbeverboten, Verkaufs- und Konsumrestriktionen, Mindestpreisen, höheren Alkoholsteuern und Warnbildern auf Etiketten überraschen dann nicht mehr.

Natürlich ist es legitim, die Frage nach alkoholbedingten Kosten zu stellen. Schliesslich ist ein übermässiger Alkoholkonsum für das Umfeld oft belastend und unbestritten ein Risikofaktor für viele Krankheiten.

Alkohol ist oft auch bei Unfällen im Spiel. Nicht wenige Unfälle passieren aber sowieso. Verunfallt jemand auf Glatteis oder bei schlechten Sichtverhältnissen, so sind die widrigen Umstände schuld. Hat jedoch einer der Beteiligten getrunken, so gilt der Unfall in der Statistik als alkoholbedingt. Und fehlt jemand an seinem Arbeitsplatz, weil er am Vorabend zu viel getrunken hat, so ist der Alkohol an der Absenz schuld. Vielleicht hat die Person aber getrunken, weil sie bei ihrer Arbeit gemobbt wird.

Diese Beispiele sollen die Gefahren missbräuchlichen Alkoholkonsums nicht verharmlosen, sondern die Schwierigkeit aufzeigen, Ursachen und Wirkungen genau zuzuordnen. Die Welt ist eben komplexer als viele Menschen sie sich vorstellen: Monokausalität ist die Ausnahme.

Weil die meisten Kosten weder wirklich gemessen noch nachgeprüft werden können, richten sich Annahmen dann einfach nach der "internationalen Literatur", wobei vergessen geht, dass auch bei Vorgängerstudien lediglich Annahmen getroffen wurden. Im Zweifelsfall gibt die Weltanschauung der Auftraggeber den Ausschlag, die sich Autoren suchen, die bekannt für entsprechende Resultate sind.

Und Studien dieser Art werden nun einmal vorwiegend von Gesundheitsorganisationen in Auftrag gegeben. Winzer, Bierbrauer oder Spirituosenhersteller haben anderes zu tun. Abgesehen davon, wären sie als Absender wohl ebenso wenig glaubwürdig wie die Gegenseite, die eigentlich einen neutralen Standpunkt einnehmen müsste, jedoch einer "déformation professionelle" und somit einer eingeengten Sichtweise unterliegt.

Im Weltbild der Studienverfasser führt der Alkoholkonsum zu einer Produktivitätsverringerung von 15 Prozent. Für manche Konsumenten mag das zutreffen oder sogar untertrieben sein. Doch ist ein solcher Durchschnittswert plausibel? Gibt es nicht auch Leute, die nach einem Glas Wein und einem Digestif besser funktionieren und kreativer sind als nach einem halben Liter kalorienreicher Industrielimonade?

Ein Volk von Trinkern?

Der stets vermittelte Eindruck, die Probleme mit dem Alkohol nähmen laufend zu, ist falsch. Der Alkoholkonsum pro Kopf ging in den letzten dreissig Jahren um einen Viertel zurück. Gleichzeitig sank auch der Anteil der Bevölkerung mit exzessivem Alkoholkonsum. Zielgerichtete Prävention hat ihre Berechtigung, doch flächendeckende, alle Konsumenten betreffende Massnahmen sind verfehlt und unverhältnismässig.

Es ist im allgemeinen Interesse, Alkoholexzesse zu verhindern und deren Folgekosten zu senken. Rigide Markteingriffe dürften der Wirtschaft insgesamt aber grösseren Schaden zufügen als die in der Studie geschätzten Produktivitätsverluste infolge Alkoholkonsums.

Es wird Zeit, das BAG endlich einmal in den Senkel zu stellen. Der zuständige Bundesrat Berset sollte die Aktivitäten des Bundesamts einer schonungslosen Kosten-Nutzen-Analyse unterwerfen. Allerdings sind daran schon seine Vorgänger Couchepin und Dreifuss gescheitert. Hoffentlich ringt sich das Parlament durch, dem überdimensionierten Departement das Budget zu kürzen. Dann gäbe es automatisch weniger nutzlose Studien.

Maurus Ebneter

 

Alkoholkonsum geht seit langem zurück

Herr und Frau Schweizer trinken so wenig Alkohol wie nie zuvor in der jüngeren Geschichte. Vor gut hundert Jahren konsumierten Erwachsene noch doppelt so viele alkoholische Getränke.

Ein Durchschnittsschweizer trinkt 36 Liter Wein, 56.5 Liter Bier, 1.8 Liter Obstwein und 3.9 Liter Spirituosen pro Jahr. Auf den Liter reinen Alkohol umgerechnet beträgt der Pro-Kopf-Konsum 8.4 Liter. In den 1980er-Jahren trank die Bevölkerung pro Kopf jährlich noch 11 Liter reinen Alkohol, also einen Drittel mehr als heute. Vor 120 Jahren waren es sogar fast 17 Liter, also doppelt soviel wie heute – und dies, obwohl es damals weit mehr Kinder gab und Frauen kaum öffentlich Alkohol tranken.

Doch nicht nur der normale Konsum geht stetig zurück: Auch der Alkoholmissbrauch ist rückläufig. Das ergibt sich aus einem Synthesebericht, der vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegeben wurde ("Ökonomische Evaluation von Präventionsmassnahmen in der Schweiz"). Daraus ist zu entnehmen, dass der Anteil der Bevölkerung mit exzessivem Alkoholkonsum zwischen 1997 und 2007 von 6% auf 5.1% sank.

Nach groben Schätzungen sind in der Schweiz 200'000 Männer und 100'000 Frauen alkoholabhängig oder zumindest stark alkoholgefährdet ("chronisch problematischer Konsum"). Laut Suchtmonitoring des Bundes haben insgesamt 19 Prozent der Schweizer ab 15 Jahren einen "episodisch risikoreichen Konsum", d.h. sie trinken mindestens einmal monatlich vier (Frauen) resp. fünf (Männer) alkoholische Getränke innerhalb eines kurzen Zeitraumes.

In der Schweiz gibt es fast sechs Millionen Alkoholkonsumenten. Eine Minderheit von 12.5% trinkt die eine Hälfte des Alkohols, 70.5 Prozent die andere Hälfte. Rund eine Million Erwachsene (17%) leben abstinent.